Ein paar Gedanken zur Kinderfeindlichkeit der Gesellschaft

(Tirsales Gedanken) Die Gesellschaft braucht Kinder. Ohne Kinder gibt es bald keine Gesellschaft mehr – und damit auch keine medizinische Versorgung, keine Nahrungsmittel, keine Infrastruktur, etc. Von Rentenkassen müssen wir gar nicht reden, die haben die gesammelten deutschen Bundesregierungen eh an die Wand gefahren. Abgesehen davon sind Kinder die einzige Zukunft, die Menschen haben. Und nicht zuletzt bringen junge Menschen immer wieder neue Ideen und Ansätze in Politik und Gesellschaft ein.

Unsere Gesellschaft ist extrem kinderfeindlich. Geht mal mit einem Doppelkinderwagen und zwei Kindern an der Hand spazieren. Dann geht zur Bäckerei, kauft ein paar Brezeln. Und mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit wurdet ihr auf dem Weg mehrmals angegiftet oder böse angeschaut. Zum Beispiel jedesmal, wenn die Kinder etwas lauter wurden. Oder fahrt mal mit dem Zug. Da geht das dann noch schneller …

Im Extrem sahen wir das bsp. in Hamburg. Dort wurde 2008 eine Kindertagesstätte verboten – sie war zu laut. Andere KiTas mussten umziehen oder teure Lärmschutzwände einbauen. Kindergärten sind damit ganz offiziell vergleichbar mit Autobahnen. Es fehlt nur noch ein Tempolimit auf Spielplätzen, Nachtspielverbote haben wir schon.
Im Kleinen sieht man das bsp. in Tübingen. Hier wurde (gesponsert vom DFB) ein kleines Fußballfeld aufgebaut. So ein Teil mit Wand drumrum und kleinen Toren, keine Ahnung wie das heißt. Das Feld steht auf dem Schulgelände der Geschwister-Scholl-Schule.  Ich habe bis vor Kurzem direkt da gewohnt (mittlerweile drei Häuser weiter). Von dem Feld war nie etwas zu hören (ich wohnte damals etwa 180m Luftlinie entfernt) – die Kiddies spielen begeistert, alle sind glücklich.

Alle? Nein, nicht wirklich. In prophylaktischem Gehorsam hatte die Stadt Tübingen die Spielzeiten massiv eingeschränkt. Am Wochenende war das Spielen fast komplett verboten. Sonst könnten sich ja die Nachbarn gestört fühlen. Wer das Feld nicht kennt … das nächste Nachbarhaus ist etwas mehr als 160m Luftlinie entfernt, dazwischen hat es u.A. ein Basketball und ein Fußballfeld (beide ohne Zeitbegrenzung), mehrere Reihen (hochgewachsener) Bäume und einen großen Parkplatz … In zwei Himmelsrichtungen liegen Straßen, in die vierte Richtung kommt erst die (große) Schule und dann ein Einkaufszentrum.

Andere Beispiele kennt jeder von uns vermutlich auch. Da werden Kinder ausgeschimpft, weil sie mit Malkreide auf dem Gemeinschaftsparkplatz malen … nach dem erste Regen ist die Kreide sowieso weg, also wen stört das eigentlich?
Der Versuch eine freie Fläche (bsp. den Innenhof einer Wohnanlage) fürs Federball oder (mit einem weichen Ball) Fußball spielen zu nutzen ist eh vergebens. Da kommt nach 5 Minuten der erste Ruhesuchende und schickt die Kinder weg. Sie sollen drinne spielen oder weggehen.

Aber wohin denn? Im Wald gibts Ärger mit dem Förster, die Wiesen sind alle im Besitz der ortsansässigen Landwirte (und die verbieten das Betreten der Wiesen ebenfalls), die Plätze in der Stadt sind „viel zu gefährlich“ und auf den Plätzen vor Läden stören Kinder auch … besonders viel bleibt da nicht übrig. Natürlich können die Kiddies auch rein gehen und sich vor den Fernseher setzen – aber das ist politisch auch nicht gewünscht.

Ich hatte diesbezüglich anscheinend noch eine sehr idyllische Kindheit … mit dem Fahrrad durch den Wald, mit Pogostäben auf die Schulhöfe und mit Inline-Skates und Schlägern auf der Straße Streethockey gespielt … kürzlich hat ein Bekannter das mit den Pogostäben ausprobiert. Nein, heutzutage sind sie zu laut. Nicht ganz so laut wie die nahe Straße (oder gar die Kirchenglocken), aber doch zu laut. Die Gegend war übrigens die Gleiche, nur die Menschen wohl nicht mehr. 20 Jahre und viel soziologische Veränderung sind da langgelaufen.

Man kann das ganze auch abkürzen: Unsere Gesellschaft ist kinderfeindlich. Und das ist nicht gut.

Nichts desto trotz gibt es das nachvollziehbare Bedürfnis nach Ruhe. Ich kenne es selbst. Nach einem z.T. sehr anstrengenden und langen Arbeitstag will man einfach mal runterschalten. Musik hören, sich unterhalten, etc Oder im Restaurant nicht das Kindergebrüll hören … Vielleicht auch mal nicht auf seinen Tonfall und seine Ausdrücke achten müssen .. einfach runterschalten.

Es ist nachvollziehbar, dass man „Kinderfreie Bereiche“ schaffen will. In manchen Bereichen (FKK-Sauna beispielsweise) ergibt sich das auch aus rechtlichen Vorschriften. Ein Mensch hat auch einfach Anspruch auf Ruhe.

Aber für die Gesellschaft gilt es hier, dass ein Maß gefunden werden muss.

Menschen haben Anspruch auf Ruhe – aber Kinder haben Anspruch darauf, dass sie einfach KINDER sein dürfen!

Und meiner Erfahrung nach, ist das gerade zu sehr in Richtung der ruhesuchenden kinderlosen Bevölkerung (Älter ist hier eher der Altersbereich 20-40) ausgeschlagen … Kinderfreie Bereiche haben ihre Berechtigung. Kinder aber auch. Die Gesellschaft muss den Mittelweg erst noch finden … und solange sie das nicht tut, solange brauchen sich unsere Abgeordneten nicht zu wundern, dass es so wenige Kinder in Deutschland gibt.

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